Die britischen Liberalen, die als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregieren, erleben derzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hat die Regierung nun eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die vor einigen Tagen in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt mündeten.
Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt uns in Deutschland zwei wichtige Erkenntnisse vor Augen. Zum einen zeigt es in aller Deutlichkeit, auf welch hohem Niveau die nordrhein-westfälischen Studierenden in den letzten Jahren geklagt haben, wenn es darum ging, gegen die Erhebung von bis zu 500 Euro Studiengebühren pro Semester anzugehen. Wirft man zudem einen Blick auf das Studiengebühren-Niveau in Ländern wie den USA, so rückt dies doch so einiges wieder ins rechte Licht.
Es gilt jedoch auch eine Schlussfolgerung aus dem Fall Großbritanniens zu ziehen, die der bisherigen hochschulpolitischen Linie der deutschen Liberalen ganz offenkundig widerspricht. Die britischen Studierenden kämpfen, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks, nämlich nicht nur gegen eine – in diesem Fall wirklich übermäßige – Belastung ihres Geldbeutels, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung der Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.
Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung sind aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studierenden sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation „effizienter“. Die neu installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.
Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals nur vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen scheinbar zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt haben. Liberale, die sich nicht lediglich als Wirtschaftsliberale sehen, sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder liberalen Programmatik ist immerhin die Verteidigung aller verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, eben nicht nur auf Individuen, sondern, im Sinne einer soziologischen Perspektive, vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen. Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studierende zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.
Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen. Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen die Studierenden mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinter zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen die Studierenden ihr Wissen vertiefen können.
Gerade Liberale sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Liberale wirklich für die verfassungsmäßig garantierten Grundrechte einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der FDP niederschlagen.
Florian Sander
Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld.
Damit u. a.: Mitglied des Jugendhilfeausschusses, des Integrationsrats und des Polizeibeirats. Politikwissenschaftler (B.A.). Aufbaustudent Politische Kommunikation (M.A.). Forschungsstudierender am Institut für Weltgesellschaft, Uni Bielefeld.
Seinen Blog findet ihr unter:
Florians Blog